Superschön, nur schlafen, wo?
Lienz–Oberdrauburg–Kötschach–Tarvisio
112 km ø21,4 km/h, 1214 hm
Es beginnt schon mal gut, obwohl ich ein bisschen Mühe habe, am Morgen loszukommen.
Einkaufen im Aldi. Und ab gehts, der Drau nach flussabwärts. Windstill oder leichter Rückenwind. Jedenfalls gemütlich, und ohne grosse Anstrengung komme ich gut vorwärts. Es ist aber auch topfeben und alles geradeaus, wie die Piste in Zürich Kloten.
In Oberdrauburg, nach 20 km, lockt ein Kaffeestand am Ufer der Drau zur Pause – natürlich mit Kaffee. Und der zieht sich hin. Ich habe irgendwie recht Respekt vor der kommenden Steigung. So ein richtiger kleiner Pass, der Plöckenpass, wartet da auf mich. Auf die – terribly sorry – Gailer Höhe. Aus der kurzen Pause wird dann fast eine Stunde, und irgendwie gehen mir die Argumente aus, noch länger sitzen zu bleiben.
Zum Glück:
Ich weiss nicht, ob es an den zwei Nächten im Hotel liegt, an meiner Gewöhnung an das Pedalieren, an der Sternenkonstellation oder an was auch immer: Die paar hundert Höhenmeter laufen butterweich. Nicht, dass ich nun nur noch bergauf fahren will, nicht dass ich mir nicht bewusst gewesen wäre, dass es heute sowieso nicht allzu schlimm wird, nicht, dass ich nie befürchtete, dass das Schlimmste noch kommen würde: Aber es läuft einfach gut. Und auf der Gailer Höhe voller Stolz ein Cola und ein Käsekrainer bestellt am Imbissstand vom dortigen Campingplatz.
Ich geprächle da noch mit einem Pärchen aus der Region Graz, das sich mit Elektrounterstützung, dafür ohne sonstigen Elektro-Schnickschnak wie GPS, Handy oder so Krimskrams durch die Tour schlägt. Ich bin Nebenfachgeograf, ich kann Karten lesen. Aber eben nicht gut. Ich kann etwa so gut Karten lesen wie ich Noten lesen kann. Ich kann es entziffern, doch spontane Höhenflüge oder transzendentale Erleuchtungen stellen sich da bei mir nicht ein. So ein bisschen wie ein Erstklässler mit dem Alphabet. Man spürt, da könnten Welten erklingen und sich sich zu topografischen Sinfonien verdichten. Ich bin einfach froh, wenn mir der Punkt auf dem Handy anzeigt, wo ich bin. E basta.
Ah, und die beiden sind schon vorher dabei, einen Deutschen zu ignorieren zu versuchen, der sich in epischer Länge über die Spritpreise auslässt. Ich glaub, das wär nun einfach einer von denen, die Hunderte von Kilometern fahren würden, um ein paar Cents weniger für den Liter zu bezahlen. Und dann noch meint: Denen hab ich es gezeigt. Ha!
Die Abfahrt: ein wahrlich – und nun eben wirklich wahrlich – Gailer Genuss, ganz einfach weil das Flüsschen so heisst. Aber nicht nur, auch sonst: laufen lassen, in die Kurven liegen, die Landschaft geniessen, vorwärts kommen, ohne an all die Verpflichtungen zu denken, die man sonst immer auf der Pelle hat. Einfach laufen lassen.
In der Ebene gehts dann weiter dem Flüsschen nach – topfeben, aber nicht mehr so windstill. Der Gegenwind (ja, so ist das halt hier in den Bergen, scheint so eine Art Gesetz zu sein) ist allerdings nicht so stark, und flüssiges Fahren ist auch noch möglich, wenn er mal mit Böen auf sich aufmerksam macht.
Schliesslich bin ich nun in Tarvisio gelandet, in Italien. Wieder mal. Aber nur kurz.
Das Problem in Tarvisio: alle Hotels dicht an dicht ausgebucht. Campingplatz ist Fehlanzeige. Und ich bin nach 112 km nicht so wirklich in Stimmung, weiterzuvelölen. Fehlanzeige bei mir. Genug ist genug. Organisiert euch einen Campingplatz, oder sonst helfe ich nach!
Beim Parkplatz unten am Fluss, neben den Mülltonnen, da hats einen kleinen Fleck Wald. Da stell ich das Zelt hin. Und bis dahin trink ich mir dafür noch ein bisschen Mut an.
++++
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